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Katalog Neue Häuser

 

Pressemitteilung

Jonas von Ostrowski

Rauminstallation

Ausstellungsdauer: 27.06.2018 – 06.10.2018

Mit der Ausstellung „Neue Häuser“ zeigt die artgallery.munich eine speziell für die Räume der Galerie konzipierte Installation des Künstlers Jonas von Ostrowski.

Jonas von Ostrowskis Objekte und Installationen gehen von der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis irrationaler und künstlerischer Prinzipien zu rational-praktischen Gestaltungsfeldern wie Architektur und Design aus. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Parallel zu seiner künstlerischen Praxis hat Ostrowski mehrere Bühnenbilder gestaltet, u.A. für die Münchner Kammerspiele, und war Mitbetreiber des Projektraumes Prince of Wales. Seine Arbeiten befinden sich unter anderem in der Sammlung der Artothek München und in der bayerischen Staatsgemäldesammlung, 2018 ist er Träger des bayerischen Kunstförderpreises.

Wie ein Haus im Haus ist ein raumgreifender Einbau in die Galerie hineingesetzt. Der Einbau läuft um die Pfeiler der bestehenden Architektur herum, durch eine der Türen hindurch und wird von einer Wand durchschnitten. Er besteht aus drei Räumen, die im Grundriss zwei sich schneidende Dreiecke ergeben. Der erste dieser Räume ist durch weiße Wände abgesteckt und sitzt wie eine Barriere zwischen Eingang und Ausstellungsfläche. Durch zwei torartige Durchgänge mit runden Bögen ist er betret- und durchschreitbar. Die beiden anderen Räume sind nur durch ihre Bodenbeläge definiert, der mittlere mit sechseckigen Pflastersteinen aus Beton, die die Struktur einer Backsteinmauer aufweisen, der hintere mit lachsfarbenem Teppichboden. Dieser Raum ist mit einem ebenfalls lachsfarbenen Objekt möbliert, das sowohl Tisch als auch torförmiger Durchgang ist.

 

Außerdem zu sehen sind eine Reihe von bisher ungezeigten Arbeiten aus der „Houses“ Serie – Tuschezeichnungen in Form von Grundrissen. Jeweils versehen mit einem Untertitel, der das zu sehende „Haus“ aus einer eher emotionalen Richtung beschreibt, wird eine Lesart dieser beinahe universell verständlichen technischen Zeichnungsform vorgeschlagen, die von räumlichen Konstellationen als Ausdruck oder Auslöser von seelischen Zuständen und Befindlichkeiten ausgeht.

 

Text zur Ausstellung

“We live, true, we breathe, true; 
we walk, we open doors, we go down staircases, 
we sit at a table in order to eat, we lie down on a bed in order to sleep.  How? Where? When? Why?”

Georges Perec

Der Aufbau der Ausstellung „Neue Häuser“ von Jonas von Ostrowski ist so einfach wie willkürlich. Die räumliche Konfiguration leitet sich aus seinen Grundrisszeichnungen ab: zwei Dreiecke,  die durch ihre Überschneidung drei verschiedene Raumsegmente ergeben. Neben eingezogenen  Wänden besteht das räumliche Setting aus einem Reliefboden mit Betonfliesen in Backstein-  optik, einem rosafarbenen Teppich, sowie einem runden Torbogen, dessen Bein in einen  Beistelltisch übergeht. Im hinteren Bereich der Ausstellung hängt eine Serie seiner Grundriss- zeichnungen „Houses“, in deren formelhaften Bildunterschriften sich der erzählerische Aspekt seiner Arbeit bereits andeutet.

Ostrowskis Einbau ist ohne Rücksicht auf den architektonischen Bestand in den Raum gesetzt. Seine Form bringt sich selbstbewusst ein, Störungen und sperrige Raumsituationen, die hier entstehen, trennen den Einbau als Fremdkörper von der ihn umgebenden Architektur. Offensichtlich geht es hier nicht um herkömmliche Formen architektonischer Funktionalität. Was im Ausstellungstitel „Neue Häuser“ als Echo eines ideologischen Geschreis auftaucht, verhallt in diesen verkanteten Räumen nach wenigen Metern. Als Aufschlag für diese Ausstellung scheint der Verweis auf die großen Projekte der Moderne dennoch kein Zufall zu sein. Der Nachklang ihrer Ambitionen, Phantasien und Utopien einer Verbindung von Kunst und Leben, bildet  das Hintergrundrauschen von Ostrowskis Arbeiten.

Die Errungenschaft modernistischer ArchitektInnen und KünstlerInnen, welche die Architektur nicht mehr als bloße Abfolge strukturierender Elemente wie Wände, Fenster oder Säulen verstanden, sondern als Zusammenhang von Raum definierten, ist die Grundbedingung für die künstlerische Narrativierung und Psychologisierung von Architektur und Objektgestaltung. Diese Verschiebung hin zu einer Wahrnehmung, die vor allem von der Bewegung im Raum ausging, öffnete die Fragen der Raumgestaltung auch für die Bildhauerei und das Design. Raum wurde nicht mehr nur besetzt, sondern generiert. Er wird erdacht und erzählt, erträumt und erfühlt. Mit den geometrischen Grundformen als Ausgangspunkt seines räumlichen Settings bezieht sich Ostrowski explizit auf die konstruktivistische Strenge der frühen Moderne.

Auch in seinem  fortlaufenden Bau-, Gestaltungs- und Sozialprojekt „Los Angeles“ tauchen Bezüge zu den Ideeneiner „Art and Life Totalproduktion“ auf. Im Detail der Umsetzung aber, in seinem spielerischen Umgang mit Farben, Formgebung und Material, in der fragmentarischen Unabgeschlossenheit und Uneindeutigkeit seiner Konstellationen, zeigt sich vor allem eine Nähe zu  den postmodernistischen Gestaltern der „Alchimia“ oder der „Memphis Group“. Ihre spielerische Intellektualität führte den narrativen Gehalt ihrer Objekte exzessiv über das Maß ihrer Funktionalität  hinaus und entzog der „weißen Moderne“ ihren Anspruch auf absolute Gültigkeit.

Auch Ostrowski ordnet seinen Architektur- und Designelementen keine konkrete Geschichte zu.  Ihm geht es vielmehr um die Freisetzung des narrativen Potentials, das im Zusammenwirken der unterschiedlichen Raum- und Objektelemente und ihren charakteristischen Eigenschaften entstehen kann. Das gilt ebenso für die Ausstellungssituation im White Cube wie für seine Arbeit auf derTheaterbühne oder dem tatsächlichen Bauplatz. Dass die Oberflächen seiner Objekte oft das „Ab-Bild“ einer Materialität darstellen – wie bei seinen Backstein-Bodenplatten oder den Fake-Holzoberflächen seiner möbelartigen Objekte – unterstreicht den Vorrang des Erzählerischen vor einer materiellen Konkretisierung. Das Fake schafft Distanz zum Original, es entfernt die Objekte von ihrer Funktionalität und befreit sie aus  ihrem angestammten Kontext. So lassen sich Räume und Objekte wie Worte in einen semantischen Zusammenhang stellen. Die narrative Ausrichtung bleibt dabei weitestgehend unbestimmt.

Ostrowskis Konstellationen können ebenso von funktionalen oder mechanischen Abläufen wie auch von Gefühlen handeln. Vor allem stellen sie ihre Möglichkeiten aus, Erzählungen auf den Weg zu bringen. Entscheidend für die Entstehung von Ostrowskis Objekten scheint immer eine Mischung aus Lust und Machbarkeit zu sein. Hier begegnen sich die subjektive Produktionsform des Künstlers und die Pragmatik des Architekten, Suggestivität und Konkretion. Für Ostrowski bedeutet dies, dass er seine Objekte immer wieder einer eindimensionalen Funktion und sich selbst einer Zuordenbaren Künstlerrolle entzieht. Auch und gerade in einem Umfeld zeitgenössischer Kunst,  das vom Fetisch der Mess- und Bewertbarkeiten geprägt ist, bedeutet eine unprogrammatische Offenheit keine Bequemlichkeit, sondern die Verweigerung, simple Eindeutigkeiten zu produzieren. Vor alledem ist diese Offenheit die Grundbedingung für das Erdenken, das Erzählen und das  Bauen neuer Räume.

Leo Lencsés